Schönes Bambino-Wochenende
Der Sonntagmorgen ist ein schöner Morgen. Besonders, wenn um halb acht das erste Fußballspiel der Bambinos beginnt und das eigene Kind mitmacht.
Drei Minuten vor Spielbeginn rannte ich mit meinem kleinen Fußballer die Treppe hinunter und verließ das Haus. Mit einem lauten Knall krachte die Haustür ins Schloss, dass die Spatzen von der Dachrinne stürzten und unser 93-jähriger Mitbewohner aus dem Bett fiel.
Auch ich erschrak. Aber nicht wegen des Knalls, sondern wegen der vereisten Autoscheiben. Ich hatte abends den Wagen in der Einfahrt stehen lassen, statt ihn in der Garage zu parken. Ich wollte morgens schneller wegkommen.
Und nun stand ich da und musste Eis kratzen. Die Kratzspuren auf der Autoscheibe erinnerten mich an die Spuren schwarzer Turnschuhsohlen auf Hallenparkett.
Nach dem letzten Spiel verbot der Hallenwart derartiges Schuhwerk und deshalb sollte mein Schätzchen seine hellen Sportschuhe am Freitag aus dem Kindergarten mitnehmen.
„Sag mal, hast du eigentlich die Schuhe aus dem Kindergarten mitgebracht?“, fragte ich meinen Ballkünstler.
„Nein. Die hängen noch an meinem Haken“, antwortete er unschuldig.
„Wie schön!“, erwiderte ich gelassen. Aber nur, weil Nachbar Schulze gerade mit einer Tüte Brötchen vorbeischlenderte und mir einen schönen guten Morgen wünschte.
In Wirklichkeit könnte ich platzen – und zwar vom Scheitel über den Bauchnabel bis hinunter zum großen Zeh.
Ich hoffte sehnlichst, dass der Bengel in den nächsten fünf Minuten den Schnabel hält, damit ich vor Schulze und seinem Weizenmehlgebäck die Haltung wahre.
In solchen Momenten überlege ich, der Kirche beizutreten und gottgefällig nach der Bibel zu leben.
In der steht nämlich, dass man am siebten Tage ruhen soll. Und das ist eine ausgesprochen gute Idee, wenn man von Montag bis Sonntag alleine zwei schulpflichtige Kinder umsorgt.
Aber es nutzte nichts. Die Sache war nun angerührt und verlangte nach Vollendung.
Ich befreite ringsherum die Scheiben vom Eis und schleuderte den Kratzer in den Fußraum der Beifahrerseite. Dort schepperte er gegen die Pfandflasche, die sich seit zwei Wochen gegen ihre Rückgabe wehrte.
„Du setzt dich schon mal ins Auto“, befahl ich dem bibbernden Fußballzwerg neben mir.
Dann hastete ich zurück ins Haus, in den Keller hinab, um im Altkleiderbeutel nach einem Paar kaputt gepflegter Turnschuhe zu suchen.
„Schönen guten Morgen!“, äffte ich Schulze nach. Der hat gut reden.
Während er sein Frühstücksei schlürft und seiner Frau vorwirft, sie hätte kein Gefühl für Dreiminuteneier, suche ich mit den Kellerasseln nach weißsohligen Turnschuhen.
Und wofür? Damit Oma und Opa wieder prahlen, wie viele Tore ihr Enkel schießt und wie oft der arme Kerl am Knie verletzt wurde.
Prinzipiell habe ich ja nichts dagegen. Aber muss das am Sonntagmorgen sein?
Endlich fand ich ein Paar Schuhe. Das Leder war in den Tretfalten geplatzt, vorne würden die Zehen etwas frische Luft bekommen und am linken Schuh war die Sohle locker.
Mit Sicherheit würden diese Treter die Blicke einiger Mütter auf sich ziehen und mich dafür mit vorgehaltener Hand kreuzigen. Das können sie in unserer Gegend ganz gut.
Aber, Herrgott, was sollte ich denn machen?
Ich schnappte die Latschen, hastete die Treppe hoch, zur Haustür hinaus – rummms – hechtete ins Auto, startete den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und drehte mich um.
Wo ist der Junge?
„Mike? Wieso sitzt du nicht im Auto?“
„Wie denn?“, klapperte er mit den Zähnen. „Die Tür ist doch zu.“
„Hach, hat sich denn alles gegen uns verschworen?“
Ich öffnete die Hintertür, schmiss mein Kind in die Sitzschale, schnallte es an, Tür zu und ab ging's.
„Hoffentlich bauen wir nicht noch einen Unfall“, murmelte ich vor mich hin.
Obwohl mir an dieser Stelle ein klitzekleiner Blechschaden ganz willkommen wäre. Dort und zu diesem Zeitpunkt, gleich beim Verlassen der Einfahrt.
Ich hätte einen Grund, der familiären Verpflichtung in der Großkotzhalle fernzubleiben.
Aber gerade, wenn man sich einen Verkehrstrottel herbeiwünscht, kommt keiner.
Vermutlich schliefen sie noch bei irgendeiner Braut, der sie abends nach der Disco ernste Absichten schworen, um sie anschließend zu vernaschen.
„Apropos Unfall. Mike, hast du die Knieschützer vorhin in die Tasche gepackt, wie ich's dir gesagt habe?“
Keine Antwort. Ich sah in den Rückspiegel.
Mein Junior gab sich in höchster Konzentration der Popelei hin und versuchte, sich durch Fingerschnippen seiner nasalen Artefakte zu entledigen.
„Du Ferkel!“, rief ich.
Worauf er erschrak und zu plärren begann.
Krampfhaft versuchte ich bei Tempo siebzig, eine Packung Papiertaschentücher zu öffnen. Es gelang mir unter materiellen Verlusten.
Ich hatte ein Verkehrsschild gestreift und ein Huhn tranchiert.
Wenigstens aber war nun der Sekretabfluss meines Kindes hygienisch geregelt.
„Was ist jetzt mit den Knieschützern?“, hakte ich nach. „Hast du sie eingepackt?“
„Äh, weiß nicht.“
„Na prima!“, meckerte ich. „Du rennst heute wie ein Lump herum und ich muss mich deinetwegen bis auf die Knochen schämen.“
Dann knurrte mein Magen. Zum Frühstücken war die Zeit an diesem schönen Morgen zu knapp. Aber ich hatte wenigstens Brote geschmiert und Tee eingepackt.
„Wo ist eigentlich die kleine Tasche mit unseren Broten?“
„Die lag auf dem Autodach, als du die Scheiben abgekratzt hast“, klärte mich mein Genie auf.
Den darauffolgenden Fluch möchte ich hier nicht erwähnen.
Exakt um 7.47 Uhr bogen wir auf den Parkplatz der Großsporthalle.
„Los jetzt aber rein. Die haben bestimmt schon angefangen.“
Hastig stieg ich aus, öffnete meinem Krümel die Tür und er stand da mit leeren Händen.
„Wo ist die Sporttasche?“, fragte ich.
Der kleine Teufel zuckte die Schultern: „Weiß nicht.“
In diesem Moment schien um mich herum die Szene einzufrieren. Ich weigerte mich zu hören, zu sehen, zu atmen und zu denken.
Das war auch gut so, denn der Trainer und die pünktlichen Mütter hatten wenig tröstliche Worte für mich übrig, als ich ihnen erklärte, ich müsste noch einmal nach Hause fahren, um die Sportsachen zu holen.
Sportsachen, die aus einem Paar Wegwerfschuhen bestanden.
Ich schämte mich wie ein Klassenlehrer, dem die Schüler am Ende des Unterrichts sagten, er hätte die ganze Zeit mit offenem Hosenstall vor ihnen gestanden.
Nachdem mein Kleiner einige Dutzend Mal die Latschen beim Schießen in die Luft gewirbelt hatte, nahm ihn der Trainer vom Platz.
Mir wurde mit beiläufigen Äußerungen am Spielfeldrand verklickert, dass ich am schlechten Abschneiden der Mannschaft schuld war.
Sie hatten sieben Spiele zu null verloren.
Ein schöner Sonntagmorgen.
Und nächste Woche stehe ich gerne wieder um 7 Uhr auf – und lege mich gleich wieder hin, weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unser Auto kaputt ist.