Harry Herrlich
Kurzgeschichten
& Anekdoten
Satirische Illustration

Rausgeschmissen

Ich hatte ein blödes Jucken auf der Schulter. Sehen konnte ich allerdings nichts. Nicht einmal im Spiegel. Aber irgendetwas piekste. Da musste etwas sein. Verdammt.

Aber auch mein Sohn erkannte nichts, als er flüchtig über meine kalte Schulter sah.

Zwei Tage später meldete sich erneut dieses Nadelpieksen. Diesmal sah ich etwas. Es sah aus wie ein Hautnippel. So ein kleiner komischer Minihautfetzen oder eine Mikrowarze, irgendetwas, das aus mir herauswächst.

Vielleicht die Mandeln, die mir nach 40 Jahren an einer anderen Stelle nun herausdrücken, oder ein Weisheitszahn. Was weiß ich, wo sich das Übel seinen Weg im Körper bahnt und dann herausbricht.

Wie mag es den Leuten gehen, die Pickel auf der Stirn oder am Hintern haben oder Warzen sonst wo.

Gott sei Dank hatte ich nur etwas Harmloses auf der Schulter, das ich zwei weitere Tage verdrängte, bis sich dieses Jucken abermals meldete.

Und wenn jetzt jemand auf die blöde Idee kommt und fragt, ob ich mich in der vorhergehenden Zeit nicht geduscht und begutachtet habe, antworte ich: „Doch, habe ich!“

Aber mit beschlagener Brille sehe ich nichts, und wenn nichts juckt, muss ich auch nix an mir herumgucken. Ich kenne mich schließlich auswendig.

Diesmal juckte es aber wieder und so klemmte ich mein Glotzephonium auf die Nase, sah in den Spiegel und entdeckte – statt eines kleinen Teufels, der mir mit seinem Dreizack die Schulter malträtiert – eine blutsaugende Zecke.

Das erzählte ich natürlich meinem Sohn und der witzelte:

„Sei froh, dass in deinem Alter noch irgendetwas an dir herumsaugt. Ich würde an deiner Stelle die Zecke noch dranlassen. Wenn sie sich fettgesaugt hat und du sie dann entfernst, nimmst du mit einem Schlag drei Kilo ab!“

Das sind die Momente, in denen selbst ein fürsorglicher Vater wie ich daran denkt, seinen Spross mit einem Tritt in den Hintern zur Wohnungstür hinauszukomplimentieren.

Ich beließ es dabei, die Zecke mit einer Kneifzange aus der Schulter zu drehen und aus dem Badefenster zu entsorgen.

Was dann mit dem Ding passiert, juckt mich nicht mehr. Soll sie saugen, wo sie will. Vielleicht schafft sie es bis zu den zwei fetten hässlichen Hunden in der Nachbarschaft.